Wie real ist deine Realität?

In seinem provokativen Weltbestseller „Anleitung zum Unglücklichsein“ beschäftigt sich der weltbekannte Philosoph und Psychologe Paul Watzlawick mit der Frage, wie unser Denken unsere Realität gestaltet und beeinflusst.

Wie schnell wir dabei in unserem Kopf auf Abwege geraten können, demonstriert er anhand einer kurzen Geschichte, die weltbekannt wurde. Es geht dabei ganz schlicht um einen Mann – und seinen Wunsch, ein Bild aufzuhängen. Einen Nagel hat er ja zumindest schon, nur der Hammer fehlt ihm dazu. Aber die Rettung naht, denn da fällt ihm ein – sein Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, kurzerhand hinüberzugehen und ihn sich auszuborgen. Aber während er losstartet, kommen ihm erste Zweifel. Was, wenn der Nachbar ihm den Hammer vielleicht gar nicht leihen möchte? Gerade gestern grüßte er ihn nur flüchtig. Vielleicht war der Nachbar ja in Eile. Aber vielleicht war diese Eile auch nur ein Vorwand, um nicht mit ihm reden zu müssen. Vielleicht hat der Nachbar in Wirklichkeit ja etwas gegen ihn? Aber dazu hat er ja keinen Grund, er hat ihm ja nichts angetan. Das bildet sich der Nachbar nur ein. Denn wenn er sich umgekehrt von ihm ein Werkzeug borgen wollte, er würde es ihm jederzeit geben. Wie kann man nur einem freundlichen Nachbarn so einen einfachen Gefallen abschlagen? Er kommt zu der Überzeugung: Menschen wie er machen einem das Leben mies. Und dann bilden sie sich vielleicht noch ein, man wäre auf ihre Hilfe angewiesen! Und das nur, weil er einen Hammer hat! Jetzt reicht`s aber wirklich!

Unser Mann stürmt schließlich wütend hinüber zum besagten Nachbar und läutet Sturm. Der öffnet, aber bevor er noch ein „Guten Tag“ sagen kann, schreit ihm unser Mann schon wutentbrannt ins Gesicht „Behalten Sie sich ihren verdammten Hammer, sie Idiot!“.

Jeder unserer Gedanken ist eine Realität – eine Kraft. Jeder Gedanke ist ein Baustein am werdenden Schicksal – im Guten wie im Bösen.

Prentice Mulford

Hoppla! Was ist passiert? Die Gedanken des Mannes sind mit ihm „durchgegangen“. Die Vorannahmen haben seine Wirklichkeit erschaffen und die dabei entstandenen intensiven Emotionen haben dieser persönlichen Wirklichkeit immer mehr Leben eingehaucht. Auf diese persönliche Realität hat er schließlich reagiert und ist dabei immer weiter falsch abgebogen.

Entfernte Realitäten?

Je weiter eine persönliche Realität von den tatsächlichen Umständen entfernt ist, umso schwerwiegendere Folgen können daraus entstehen. Oder etwas einfacher gesagt – du lebst dann „neben der Spur“. Auch Tagträumereien und Fantasien können eine solche negative Wirkung haben, wenn man sich in ihnen verliert und dabei den Bezug zur Realität abhandenkommt.

Ja ich weiß, es gibt auch Menschen, die eine Vision haben und diese dann in die Realität umsetzen. Natürlich, viele herausragende Menschen zeichneten – und zeichnen sich durch diese Fähigkeit aus. Aber auch sie müssen ihre Vision mit der Realität in Einklang bringen, um den Beweis anzutreten. Sonst bleibt es nicht mehr als ein Luftschloss – eine Phantasie ohne Substanz.

Natürlich beschäftigt sich auch die Wissenschaft mit der Realität. Was ihr am nächsten kommt, nennt sie das „Best-Fit Modell“ – also das, was am besten zu den Beobachtungen passt, die wir machen. Das wird zu unserem aktuellen Realitätsmodell. Denn wir stellen uns zuerst etwas vor und erschaffen dann permanent Modelle in unserem Kopf die uns zeigen sollen, wie das Universum (angeblich) funktioniert.

Die Realität in unseren Köpfen

Doch der Haken an der Sache ist – wir können von keinem Modell mit letzter Sicherheit behaupten, es sei „wahr“. Denn es sind nur Theorien in unseren Köpfen, die der Realität, die wir wahrnehmen, mehr oder weniger gut entsprechen. Aber gehen wir wieder zurück zur Quelle unserer Realität in unserem Kopf – unsere Gedanken. Indem wir eine Realität in unseren Gedanken erschaffen, können wir uns in der Welt (mehr oder weniger gut) zurechtfinden. Unsere erschaffene Realität ist viel mehr als das, was wir im Alltag mit unseren Sinnen wahrnehmen.

Alles echt oder was?

Unser Gehirn kann nicht nur eine Realität erschaffen, sondern ihr auch eine Bedeutung verleihen. Wir reagieren mit Emotionen auf diese Bedeutung. Denn was für uns Bedeutungslos ist, das weckt auch kaum Emotionen in uns – wozu auch? Dazu kommt noch, dass unser Gehirn sehr empfänglich ist für jede Realität, die wir uns vorstellen. Es unterscheidet nicht zwischen einer intensiven Vorstellung und einer realen Wahrnehmung.

Du kennst das vielleicht aus deinem eigenen Leben – da meldet sich dein Partner oder dein Kind nicht, oder reagiert nicht auf deine Anrufe, und schon startet das Sorgenkarussell in deinem Kopf. Du beginnst dir Gedanken darüber zu machen, ob vielleicht etwas Schlimmes passiert ist und schon bald liefert dein Gehirn die passenden Bilder und Gedanken dazu. Und je weiter du darin eintauchst, umso schlimmer wird es. Am Ende stellt sich dann in fast allen Fällen heraus: alles gut, nichts passiert! Der Akku war einfach leer, oder das Handy wurde einfach nicht gehört. *Puh*

Oder wenn es um eine wichtige Prüfung oder ein Vorstellungsgespräch geht. Dann folgen manche Menschen der Tendenz, gleich das Schlimmste anzunehmen. „Oh Gott, was wird nur alles passieren?!“

An sich ist nichts weder gut noch böse, das Denken macht es erst dazu.

William Shakespeare

Weiß oder Schwarz?

Wenn du ehrlich bist – wie oft haben sich Ereignisse, von denen du überzeugt warst, hinterher als ganz anders herausgestellt? Dann scheint es sinnvoll anzunehmen, dass das grundsätzlich bei jeder Situation der Fall sein könnte, oder? Wenn du dir das bewusst machst, ist das der erste Schritt, anders mit solchen Situationen umzugehen.

Dass manche Menschen gelassen und neutral – oder sogar positiv gestimmt an unbekannte Situationen herangehen können und andere notorische Schwarzseher sind, das ist nicht auf ewig festgelegt – es lässt sich durch Training beeinflussen. Mit dem passenden Mentaltraining kannst du dein Denken neu ausrichten. Das dauert zwar etwas Zeit, aber es lohnt sich allemal, denn am Ende winkt nicht nur eine positivere Lebenseinstellung.

Die Realität, die du permanent in deinem Kopf erschaffst, hat handfeste Auswirkungen auf deinen Körper und dein Wohlbefinden. In der Kinesiologie lässt sich das ganz unmittelbar überprüfen. Denke an etwas Angenehmes, Schönes, und deine Muskeln werden stark sein. Denkst du hingegen an etwas Unangenehmes oder Trauriges, lässt die Kraft in deinen Muskeln schlagartig nach. Deine Körperspannung und deine Kraft sind merklich dahin.

Zügle deine galoppierenden Pferde!

Wenn du also recht schnell dazu neigst, den Teufel an die Wand zu malen, dann gewöhne dir an, mental einen Schritt zurück zu machen. Tritt auf die (Gedanken-)Bremse!

Zügle deine (Gedanken-) Pferde.

Ich habe eine einfache Übung, mit der du das im Alltag ganz nebenbei trainieren kannst. Lerne bewusst, deine Wahrnehmung von deiner Interpretation zu trennen. Das ist einfacher gesagt als getan. Wie du das machst? Ganz einfach – nimm einfach wahr, was du beobachten kannst. NUR deine Beobachtungen. Sobald deine innere Stimme losplappern will um eine Bewertung abzugeben, zieh die Gedankenbremse und sage innerlich „STOPP!“

Halte dich nur an Fakten, die du jetzt beobachten kannst. Stelle dir immer wieder die Frage: Was passiert gerade? Das ist in 99% aller Fälle noch kein Grund, etwas Schlimmes anzunehmen.

Dein Kollege ist heute sehr schweigsam und spricht wenig mit dir? Das bedeutet nicht automatisch, dass er wütend auf dich ist. Vielleicht hat er schlecht geschlafen, es gehen ihm private Dinge durch den Kopf oder er ist gerade in seine Arbeit vertieft, die er noch termingerecht fertigstellen muss. Es gibt immer viele Ursachen und Hintergründe.

Mache es dir zur Gewohnheit, mit deinen Gedanken im Hier und Jetzt zu bleiben, zu beobachten und neutral offen zu bleiben. Frage nach und halte dich mit Interpretationen zurück. Dann klappt es sicher auch besser, wenn du vielleicht das nächste Mal etwas von deinem Nachbarn ausleihen willst (es muss ja nicht immer ein Hammer sein, oder?).

Hinweis: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung der Sprachformen männlich, weiblich und divers (m/w/d) verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.