Viren des Geistes Teil 2

Herzlich willkommen bei Teil 2 zum spannenden Thema „Viren des Geistes“. Falls du den ersten Teil noch nicht gelesen hast, empfehle ich dir, das jetzt nachzuholen. Neugierig auf mehr? Dann lass uns gleich starten! Sehen wir uns einmal an, wie so ein „Virus des Geistes“ entsteht. Ich unterscheide bei der Entstehung vier Schritte:

Schritt 1: Die emotionale Geburt

Bei der Entstehung sind fast immer intensive Emotionen beteiligt – Begeisterung, Wut, Abscheu oder Angst etwa. Wann immer wir intensive Emotionen empfinden, wenn wir mit bestimmten Informationen oder Gedanken in Kontakt kommen, prägen sich solche Gedanken schneller und tiefer in unser neuronales Netzwerk.

Schritt 2: Das Gefühl von Wahrheit

Durch diese Intensität räumen wir diesem Gedanken oder dieser Idee eine unabhängige Wahrheit ein. Wir geben solchen Gedanken mehr Raum. Die Idee hat Gewicht, ist real und wirksam für uns. Der Gedanke fühlt sich richtig für uns an.

Gedanken können Versuchungen sein

Früher wurde Behauptungen mehr Wahrheit verliehen, wenn sie in Zeitungen oder Büchern gedruckt wurden, oder wenn sie im Fernsehen verbreitet wurden. Denn was gedruckt oder im Fernsehen zu sehen ist, muss wohl wahr sein, oder? In Zeiten von Social Media reicht es, wenn eine Information bereits tausende Male geteilt, kommentiert oder geliked wurde. Denn so viele Menschen können nicht irren, oder? Wir orientieren uns im Zweifelsfall an der Entscheidung der Masse, wenn wir unsicher sind.

Schritt 3: Wiederholung, Wiederholung, Wiederholung!

Weil dieser Gedanke so überwältigend ist und sich richtig und logisch anfühlt, wiederholen wir ihn und die Implikationen dazu immer wieder, wodurch er noch stärker geprägt wird. Wir bestätigen uns damit diese Gedanken.

Schritt 4: Eine neue Identität

Im letzten Schritt werden solche Gedanken zu einem Teil unserer Identität – oder kurz gesagt:

Ich bin, was ich denke

Etwas, das wir sind, geben wir natürlich nicht so einfach auf. Denn das fühlt sich unangenehm, irritierend und falsch an. Solche Gedanken sind so sehr zu einem Teil unseres Selbstverständnisses und unserem Bild der Welt geworden, dass wir sie nicht aufgegeben wollen. Wir verteidigen sie mit allen Mitteln oder ignorieren diejenigen, die anderer Meinung sind. Auf der physischen Ebene wäre das etwa gleichbedeutend damit, dass wir uns einen Teil aus unserem Körper schneiden würden.

Wie fühlt sich deine Wahrheit an?

Du kannst das in einem kleinen Selbstversuch selbst ausprobieren. Nimm etwas her, von dem du persönlich zutiefst überzeugt bist. Recherchiere dann, welche anderen Standpunkte und Meinungen dazu existieren. Wenn du eine Auswahl hast, suche dir eine andere, gegensätzliche Meinung aus und versuche, deine bestehende Überzeugung durch diese neuen Gedanken zu ersetzen. Spüre ich dich hinein und notiere dir, wie es sich anfühlt. Gelingt es dir? Was fühlst du dabei? Wo genau? Was geht dir dabei durch den Kopf und wie geht es dir ganz allgemein damit? Welche objektiven Beweise hast du für deinen bisherigen Glaubenssatz? Welche Folgen hätte es, wenn du diese Überzeugung veränderst oder ganz aufgibst? Und wäre das wirklich so?

Du wirst wahrscheinlich unterschiedliche physische und mentale Wahrnehmungen dabei erleben. Es wird sich vermutlich handfester Widerstand in dir regen und unangenehm anfühlen. Das zeigt dir, dass du deine Überzeugung liebgewonnen hast. Und dieses „eigene Kind“ gibt man nicht gerne weg, oder tauscht es gegen ein anderes.

Ich glaube, dass auf dieser Welt wahrscheinlich über kein Thema so viel diskutiert und gestritten wurde als über die Frage, was die Wahrheit ist oder wer gerade im „Besitz“ der Wahrheit ist. Diese Wahrheit ist immer Ansichtssache. Bedenke nur, wie viele Dinge alleine in den letzten 100 Jahren als „wahr“ galten, nur um später herauszufinden, dass dies nicht der Fall ist. Heute generiert Wissenschaft und Forschung schneller als jemals in der Geschichte neue Modelle, Tatsachen und Erkenntnisse. Viele davon werden später durch neue Erkenntnisse verändert oder ersetzt. Manche Wahrheiten haben also durchaus ein Ablaufdatum. Dabei werden sie ersetzt durch – genau – neue Wahrheiten!

So schützt du dich vor „Viren des Geistes“

Nachdem wir jetzt so viel über die Entstehung und die Wirkung von „Viren des Geistes“ gesprochen haben, kommen wir zu der Frage: Können wir etwas dagegen tun? Wie können wir uns dagegen schützen? Ja, es gibt Möglichkeiten, um unsere Gedanken neu zu ordnen und blockierende Glaubenssätze loszuwerden. Mache dir dabei immer eines bewusst:

Gedanken sind dazu da, um dir zu dienen – nicht umgekehrt!

Abstand gewinnen

Zum Abschluss habe ich noch 3 praktische Tipps, wie du dich von Viren des Geistes befreien kannst

Tipp Nr. 1 beobachte deine Gedanken

Meditation kann dir gut dabei helfen, wieder etwas Abstand zu gewinnen. Gewöhne es dir an, täglich für ein paar Minuten deine Gedanken zu beobachten. Nimm dabei die Position eines neutralen Beobachters ein. Beobachte möglichst entspannt und emotionslos, was dein Geist dir gerade serviert und lasse es dann wieder verblassen. Das kann dir helfen, dass Gedanken dich nicht mehr so schnell vereinnahmen. So nimmst du ihnen einen Teil ihrer Wirksamkeit.

Tipp Nr. 2 – kultiviere deine Achtsamkeit

Achtsamkeit ist ein Schlüssel zu mehr Kontrolle in deinem Denken. Macher dir zwischendurch immer wieder bewusst, dass deine Gedanken, Erkenntnisse und Meinungen nur eine kleine Auswahl unter sehr vielen anderen sind. Weder besser noch schlechter. Bedenke, dass jeder Mensch auf dieser Welt eine Reihe solcher „Wahrheiten“ mit sich herumträgt und sie wie einen Schatz hütet. Stelle deine Gedanken und Handlungen immer wieder einmal positiv in Frage. Denke darüber nach, wie du deinen Horizont erweitern kannst. Wie kannst du es besser machen? Nimm „um die Ecke denken“ und „über den Tellerrand schauen“ durchaus einmal wörtlich.

Tipp Nr. 3 Schaffe dir freie Denkräume

Lege dir einen bestimmten Zeitraum fest – sagen wir eine Stunde in der Woche – in dem du dich zurückziehst und dir erlaubst, ganz anders zu denken. In dieser „freien Denkstunde“ ist alles erlaubt. Du darfst dabei mit ganz neuen Ideen spielen. Du darfst gegensätzliche Meinungen als sonst vertreten und über deren Konsequenzen nachdenken. Du darfst lustvoll zweifeln und Spaß daran haben. Eine solche Zeit, in der du unbeschwert die Regeln deines Denkens erweiterst und auf den Kopf stellst, kann sehr wohltuend sein und dir zu interessanten und kreativen Einsichten verhelfen. Vor allem bringt es dir andere Standpunkte näher und erhöht deine Toleranz gegenüber anderen Einstellungen und Werten.

Wenn du dir nicht sicher bist, ob du es gerade mit einem „Virus des Geistes“ zu tun hast, dann gewöhne dir an, deine Gedanken einem kleinen Test zu unterziehen und stelle dir in Ruhe solche oder ähnliche Fragen:

  • Wohin führt es in der Folge?
  • Welche Konsequenzen hat es für mich?
  • Welchen praktischen Nutzen bringt es?
  • Welchen Zweck verfolgt es? Soll ich etwas bestimmtes glauben, für eine Gemeinschaft spenden oder bestimmte Informationen verbreiten?
  • Wer profitiert direkt oder indirekt davon?
  • Hat es das Potential, mein Leben nachhaltig zu verändern – kurz- mittel- oder langfristig?
  • Welche Folgen könnte es realistisch haben, wenn ich diesem Trend nicht folge?
  • Welche stichhaltigen Argumente würde ein vehementer Kritiker dagegen vorbringen?

Stelle dir eine persönliche „Checkliste“ mit 3-4 klärenden Fragen zusammen und wende diese Checkliste immer dann an, wenn du nicht sicher bist, wie du mit einer Idee oder Behauptung, die dich beeinflusst, umgehen sollst.

Auf den Punkt gebracht – bleib klar im Kopf – und kritisch. Gib manchen Gedanken nicht zu viel Macht über dich. Dann bleibst du mental stark und flexibel – und offen für Neues.

Viel Erfolg!

Hinweis: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung der Sprachformen männlich, weiblich und divers (m/w/d) verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

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