Multitasking – Denken auf der Überholspur?

Wir alle spüren es – die Anforderungen an unsere mentale Leistungsfähigkeit im Alltag nehmen immer weiter zu. Wir sollen in immer kürzerer Zeit mehr lernen, schneller denken und verstehen und – am besten – auch noch mehrere Arbeiten parallel ausführen können. „Multitasking“ ist längst zu einem gängigen Begriff im digitalen Zeitalter geworden. Die Rechner von heute bearbeiten spielend gigantische Datenmengen und führen in Millisekunden unzählige Rechenoperationen und Prozesse parallel aus. Doch wie steht es da mit unserem eigenen „Biocomputer“, dem Gehirn? Geht da noch was?

Die gute Nachricht – unser Gehirn be- und verarbeitet bereits sehr viele Informationen parallel. Unsere „grauen Zellen“ regulieren rund um die Uhr alle Prozesse unseres Körpers, ohne dass wir uns darum kümmern müssen, oder dass es uns überhaupt bewusst wird. Unser Bewusstsein wird von dieser Arbeit im Hintergrund nur zu einem sehr kleinen Teil informiert. Das wird vor allem dann klar, wenn wir uns den Informationsfluss ansehen, den wir jede Sekunde durch unsere 5 Sinne verarbeiten.

Was ist ein Bit?

Der Begriff „Bit“ hat auch in die Beschreibung unsere Wahrnehmungskapazität Eingang gefunden und steht hier synonym für die kleinste Informationseinheit, die wir erfassen können. Etwa die Struktur einer Oberfläche, die wir erfühlen oder eine Farbe, die wir erkennen. Über unsere Sinne nehmen wir aber weit mehr Informationseinheiten pro Sekunde wahr.

Informationsströme im Gehirn

Viele naturwissenschaftliche Experimente haben sich bereits damit beschäftigt, wie viel Information der Mensch aufnehmen und verarbeiten kann. Dabei stellte sich etwas Unglaubliches heraus.

Die Datenmengen sind gewaltig. Wissenschaftler der University of Pennsylvania und der Princeton University haben errechnet, dass unsere Augen pro Sekunde etwa 10 Millionen Bits an unser Gehirn senden, die Haut eine weitere Million, unsere Ohren und unser Geruchssinn steuern weitere Hunderttausend bei und der Geschmackssinn liefert noch einmal ungefähr 1.000 Bit.

Alles in allem ergibt das mehr als 11 Millionen Bits pro Sekunde, mit denen unser Gehirn jongliert!

Aber das ist noch lange nicht alles. Denn unser Gehirn ist in der Lage, bis zu 400 Milliarden Bits pro Sekunde (!) gleichzeitig zu verarbeiten.

Mutter Natur hat uns hier eine erstklassige Hardware mitgegeben. Unser Bewusstsein kann jedoch nur etwa 2.000 Bits pro Sekunde erfassen, davon nehmen wir ungefähr 40 Bits bewusst wahr. Und das ist auch gut so, denn dadurch wird unser Bewusstsein nicht überlastet und kann sich selektiv auf die anstehenden Aufgaben konzentrieren.

Um diese Zahlen etwas greifbarer zu machen, hier ein Vergleich. Schließe deine Augen und öffne Sie anschließend für eine Sekunde. Könntest du im Anschluss alles verbal beschreiben, was in dieser Sekunde durch deine Sinne an dein Gehirn übermittelt wurde, müsstest du etwa 11 Tage nonstop reden.

Cleveres Energiesparen

Unser Gehirn hat im Laufe der Evolution längst elegante Prozesse entwickelt, um noch effizienter zu arbeiten und Energie zu sparen. Durch Wiederholungen entwickeln wir Routinen. Unser Verhalten automatisiert sich.

Die Rede ist hier von unseren Gewohnheiten, die vom bewussten Lernen allmählich in ein unbewusstes Tun übergehen. Damit spart unser Gehirn Kapazität, die es für andere Aufgaben nutzt. Gut, wenn diese Gewohnheiten von uns als nützlich empfunden werden. Etwas knifflig wird es da schon, wenn wir diese unbewussten Prozesse später wieder ändern wollen. Wer schon einmal versucht hat, eine lästige Angewohnheit abzulegen, weiß, wovon ich hier schreibe. In unserem Denkorgan herrscht stets Hochbetrieb. Es reorganisiert sich ständig neu, adaptiert, schafft neue neuronale Verbindungen und löst andere auf. Diese Fähigkeit, die als „Neuroplastizität“ bezeichnet wird, ist beeindruckend und noch lange nicht erforscht.

Doch wie steht es mit dem Multitasking, dem bewussten und parallelen Verarbeiten unterschiedlicher Aufgaben zur gleichen Zeit?

Zwei unterschiedliche Gedanken gleichzeitig zu denken ist nicht möglich.

Wann immer wir das versuchen, müssen wir unsere Aufmerksamkeit teilen. Wir können zwar lernen, unseren Fokus sehr schnell zwischen unterschiedlichen Aufgaben zu wechseln, doch zwei oder mehr Dinge gleichzeitig zu tun, ist unmöglich.

Wenn wir uns gleichzeitig mit mehreren Aufgaben beschäftigen wollen, reduziert sich unsere Achtsamkeit und unsere Fehlerquote steigt deutlich an. Du wirst jetzt vielleicht denken „Aber ich höre locker Musik, während ich nebenbei etwas anderes tue“. Natürlich, doch das Musikhören erfordert keine bewusste Aufmerksamkeit von dir (es sei denn, du arbeitest als Komponist gerade an einem neuen Stück). Musik kann uns bei bestimmten Tätigkeiten unterstützen, bei anderen wiederum ablenken.

Gefährliche Ablenkungen

Ein gutes Beispiel für vermeintliches Multitasking im Alltag ist unser Mobiltelefon. Auto fahren und nebenbei am Handy surfen, Facebook oder emails checken? Das kann mitunter schwerwiegende Folgen haben, denn auch hier wird unsere Aufmerksamkeit geteilt und von der aktuellen Verkehrssituation abgezogen. Studien haben ergeben, dass unsere Reaktionszeit um 50% und unsere Aufmerksamkeit um bis zu 80% sinkt. Während wir eine Telefonnummer wählen, sinkt die Wahrnehmung von Objekten in unserem Gesichtsfeld um 24%. Beim Telefonieren selbst nehmen wir in unserem Gesichtsfeld um 13% weniger Objekte wahr. Müssen wir uns gar intensiv auf ein Gespräch konzentrieren, kann das sogar zum sogenannten „Tunnelblick“ führen. Oder anders ausgedrückt –

die Reaktionsfähigkeit entspricht dann einem Autofahrer, der etwa 1 Promille Alkohol im Blut hat.

Der Traum vom Multitasking bleibt – aus heutiger Sicht – leider unerfüllt. Aber das ist kein Grund zu verzweifeln. Du kannst deine Fähigkeiten steigern, deine Konzentration trainieren und unterschiedliche mentalen Fähigkeiten entwickeln, um neue Herausforderungen zu lösen. Eine große Auswahl an Methoden dazu findest du hier auf meiner Seite.

Viel Erfolg!

Hinweis: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung der Sprachformen männlich, weiblich und divers (m/w/d) verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

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