Laufen in Australien

In dem Bestreben, sich selbst herauszufordern und immer wieder Grenzen zu überschreiten, definieren wir uns herausfordernde Ziele. Der Rekord von heute ist die Marke für das Ziel von morgen. Beispielsweise einen Marathon zu laufen stellt für die meisten Sportler und ambitionierten Läufer eine Herausforderung dar. Auch wenn ein Marathon eine beachtliche sportliche Leistung ist – eine Distanz von 42 Kilometern hinter sich zu bringen ist noch lange nicht das Ende. Im Laufe der Zeit entwickelten sich Läufe über viel größere Distanzen, die mehrere Tage lang dauern – der Ultramarathon war geboren.

Solche Ultramarathons finden inzwischen auf der ganzen Welt statt und führen teilweise durch sehr unterschiedliche Klimazonen und schwierige Terrains wie Urwäldern, Vulkane, Schluchten, Berge oder Wüsten.

Um solche Herausforderungen meistern zu können, muss man nicht nur außergewöhnlich gut trainiert sein, sondern sich seine Kräfte sehr gut einteilen.

Hat man den Ehrgeiz, unter solch extremen Bedingungen vielleicht sogar vorne mit dabei zu sein, muss man die Fähigkeit haben, trotz enormen Strapazen mit wenig Schlaf auszukommen und kritische Situationen durch große mentale Stärke zu meistern.

Ein seltsamer Läufer

Die außergewöhnliche Geschichte, die ich dir hier erzählen möchte, begann am 27. April 1983. An diesem Tag fand in Australien ein solcher Ultramarathon statt. Das Rennen startete in einem Vorort von Sydney und führte nach Melbourne – 543,7 Meilen (= 875 km) entfernt! Dieses Rennen galt als eines der härtesten Langstreckenrennen seiner Art. Das Teilnehmerfeld bestand aus einigen der besten Ultramarathonläufern der Welt, auf dem Höhepunkt ihrer sportlichen Karriere. Alle waren gut ausgerüstet, jung und konditionell in Hochform. Sie hatten sich dazu monate- und jahrelang in Topform auf dieses und ähnliche Rennen hintrainiert.

Umso erstaunlicher und verwirrender war es, als sich ein alter Mann eine Startnummer holte und zur Startlinie begab. War das ein Gag der Sponsoren? Eine Unterhaltungseinlage für die Zuschauer? Ein verwirrter Anrainer?

Der Mann hieß Cliff Young. Er passte so gar nicht zu den anderen Läufern, denn mit 61 Jahren war er doppelt so alt wie die meisten übrigen Läufer des Teilnehmerfeldes. Cliff bot einen seltsamen Anblick. Er besaß nicht einmal richtige Laufschuhe, sondern trat mit einfachen Arbeitsstiefeln und einen Overall zu diesem Rennen an! Seine dritten Zähne hatte er vorsorglich herausgenommen um zu vermeiden, dass sie beim Laufen klapperten. Cliff Young war mit harter Arbeit auf einer Farm aufgewachsen. Dort hatte er die Schafe zusammengetrieben, wenn ein Unwetter nahte. Zugegeben – ein anstrengender Job und einiges an Laufarbeit – aber ob das für den bevorstehenden Ultramarathon reichen würde? Man versuchte dem alten Mann die Teilnahme auszureden – doch der blieb stur. Die anderen Läufer schmunzelten. Sie verschwendeten keinen weiteren Gedanken an diesen kuriosen Kauz, der wohl spätestens nach einigen Kilometern aufgeben würde.

Ein alter Mann am Start

Der Lauf startete, und die Sache sah eindeutig aus. Wie nicht anders zu erwarten lag Cliff schon nach kurzer Zeit weit zurück.

Er lief weder elegant noch schnell. Ganz im Gegenteil – Cliff hatte nicht einmal das, was man einen „Laufstil“ nennen könnte.

Vielmehr schlurfte er in einer eigenartigen Weise mit seinen Arbeitsstiefeln über den Asphalt. Als der erste Tag des Rennens zu Ende ging und die erschöpften Teilnehmer eine Pause einlegten, um sich ein wenig Schlaf zu gönnen, lag Cliff bereits viele Meilen zurück.

Die Läufer hatten sich einen strikten Plan zurechtgelegt. Achtzehn Stunden laufen und sechs Stunden schlafen. Die schnellsten unter ihnen rechneten damit, die Strecke so in sieben Tagen bewältigen zu können. Das sind im Durchschnitt 125 Kilometer Laufleistung täglich – die dreifache Strecke eines normalen Marathons!

Schlaflos in Sydney

Nur Cliff hatte keine solche Strategie. Er wusste nicht einmal, dass solche Strategien existierten. Er ging das Rennen ganz anders an.

Er lief es einfach, ohne zu schlafen!

Als die Läufer am Morgen das Rennen wieder aufnahmen, waren sie erstaunt zu erfahren, dass dieser alte Mann noch immer im Rennen war. Er hatte nicht geschlafen, sondern war die ganze Nacht über durchgelaufen. So hatte er viel von seinem Rückstand aufgeholt. Doch damit nicht genug! Diese Taktik behielt er auch in den folgenden beiden Nächten bei. Cliff lief und lief…und legte dabei kaum eine Pause ein. Er gönnte seinem Körper kaum Zeit um zu schlafen. Langsam wurde Cliff zur Sensation des Rennens und täglich trafen immer mehr Meldungen über ihn ein. Cliff blieb dran und rannte unbeirrt sein Tempo weiter.

Ganz vorne dabei

In der letzten Nacht hatte er nicht nur seinen Rückstand aufgeholt, sondern alle Läufer des Feldes überholt.

Nach fünf Tagen, fünfzehn Stunden und vier Minuten passierte er schließlich als erster die Ziellinie. Damit hatte er den bisherigen Streckenrekord um fast 2 Tage unterboten!

Er war erstaunt und verblüfft, als man ihm einen Scheck mit der Siegerprämie über 10.000 Dollar überreichte. Cliff wusste gar nicht, dass es dafür etwas zu gewinnen gab. Zur großen Überraschung aller weigerte er sich, das Geld anzunehmen. Denn er war nicht wegen des Geldes mitgelaufen. Stattdessen teilte er die Summe gleichmäßig unter den fünf Läufern auf, die das Ziel erreicht hatten. Damit war der bescheidene alte Mann endgültig zur Sensation geworden.

Cliff Youngs Lauftechnik wurde später sogar berühmt und ging in die Geschichte der Ultramarathons ein.

Heute ist sein Laufstil unter dem Begriff „Young-shuffle“ bekannt.

In der Folge wurde sie von vielen Ultramarathonläufern übernommen, da sie viel weniger Energie benötigt als herkömmliche Laufstile.

Was ist das Geheimnis?

So eine unglaubliche Geschichte lässt uns staunend und rätselnd zurück. Was war das Geheimnis, das dahintersteckte? Was befähigte Cliff Young, so eine unglaubliche Leistung zu bringen? Es war seine mentale Stärke, die sich vermutlich aus folgenden Dingen zusammensetzte:

Unerschütterliches Selbstvertrauen

Cliff Young war zwar nicht mehr der Jüngste, doch er hatte viele Jahre damit zugebracht, unzählige Meilen zu laufen, um die Schafe auf seiner Farm zusammenzutreiben. Er kannte seine physischen Grenzen. Tief in seinem Innersten war er felsenfest davon überzeugt, dass er es schaffen konnte. Dabei ließ er sich auch nicht von anderen beirren. Er machte sich keine Gedanken über ein mögliches Scheitern. Er lief einfach los.

Die richtige Motivation

Er startete in dieses Rennen nicht für Ansehen, eine Belohnung oder einen Preis – er wusste nicht einmal, dass so ein Preis ausgesetzt war. Er ging unvoreingenommen an die Herausforderung heran und lief mit, weil er sehen wollte, ob er es schaffen konnte. Er forderte nur sich selbst heraus. Und er hatte schlicht Spaß daran.

Das eigene Tempo

Cliff Young lief in seinem persönlichen Tempo und Stil. Er lief nicht schneller, um den anderen Läufern etwas zu beweisen oder eine gute Figur zu machen.  Er lief ganz in seiner persönlichen Kraft und seinem Rhythmus.

Ein unbeugsamer Geist

Jeder Sportler, der extreme sportliche Herausforderungen bewältigt hat weiß, dass es früher oder später zu einem Kampf zwischen Körper und Geist kommt.

Während der Körper unerbittlich sein Recht nach Ruhe und Erholung einfordert und durch Müdigkeit und Schmerzen dem Bewusstsein einflüstert „Hör einfach auf!“ „Bleib stehen!“ „Ruh dich aus!“ „Lass es gut sein!“, kann ein Sportler das mit mentaler Kraft beherrschen.  Er läuft dann ab einem bestimmten Zeitpunkt wie auf „Autopilot“, während die Kilometer vorbeiziehen. Er lässt es geschehen. Dabei findet er eine effiziente Balance zwischen Anstrengung und Entspannung. Ich bin sicher, Cliff Young hat sich auch durch eine passende mentale Fokussierung darauf ausgerichtet. Nur so konnte er seinen Körper fünf Tage ohne Schlaf durchlaufen lassen.

Lasse dich von dieser Geschichte inspirieren. Was auch immer du vorhast – gehe deinen Weg!

Viel Erfolg dabei!

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