Die Macht der Stille

Dein Gehirn ist ein Entertainment-Center. Es ist permanent hungrig – ja geradezu süchtig – nach Input. Musik, Bilder, Geschmäcker, Emotionen, Eindrücke, Gedanken, Gerüche. Alles, was unsere fünf Sinne liefern können – und das rund um die Uhr. Immer muss etwas los sein. Dabei machen deine grauen Zellen keine Pause. Denn es gibt für die Synapsen immer etwas zu tun. Wenn zu wenig “Futter” da ist, dann erschaffen unsere grauen Zellen zur Not auch welche. Das sind dann Tagträume, Phantasien, Erinnerungen an Vergangenes oder wir malen uns die Zukunft aus.

Wenn du jung bist, kann der Bass im Club wahrscheinlich gar nicht laut genug sein. Du spürst die Vibrationen bis in deine Haarspitzen und lässt dich nur zu gerne in die Arme der Musik fallen.

Neben Musik bist du aber im Alltag immer öfter mit Ablenkungen konfrontiert. Mit lauten Gesprächen, schreienden Kindern, nervigen Radiosendungen und lautem Straßenlärm. Zwischendurch wirfst du vielleicht noch mindestens einhundert Mal am Tag einen schnellen Blick auf dein Smartphone, surfst durch das Netz, rufst Informationen ab, wanderst durch soziale Kanäle, klickst und wischt dich durch unzählige Nachrichten, gibst Likes ab oder postest etwas.

Stille ist eine Herausforderung

Dagegen können Stille und das Nichtstun eine echte Herausforderung sein! Nicht umsonst zählt die Einzelhaft und sogenannte „Sensorische Deprivation“ – also die Abwesenheit von allen Reizen – noch immer zu einer der härtesten Foltermethoden der Welt. Warum?

Wenn du einen ständigen Lärmpegel und Ablenkungen gewohnt bist, dann wirkt Stille und das Nichts-Tun wie ein kalter Entzug. Eine Vollbremsung für die Informationsverarbeitungsmaschine zwischen deinen Ohren von 100 auf Null. Das fiese dabei: deine Gedanken laufen dabei weiter, wie ein Schwungrad, das einfach nicht zum Stillstand kommen will.

Stille kann sehr laut sein.

Fluchttendenzen

Das Wissenschaftsteam um Timothy Wilson an der University of Virginia wollte es genauer wissen und startete eine Reihe von einfachen Versuchen dazu. Sie baten unterschiedliche Menschen, in einem schlichten Raum ohne Ablenkung ein paar Minuten mit Nichtstun zu verbringen und sich einfach den eigenen Gedanken hinzugeben. Kurz gesagt – Langeweile pur. Alle Gegenstände, mit denen sich die Versuchsteilnehmer hätten ablenken können, wie Bücher, Smartphones, Schreibutensilien usw. mussten sie natürlich vorher abgeben. Bei den unterschiedlichen Interviews im Anschluss stellte sich heraus – keine der Versuchspersonen hatte diese erzwungene Auszeit mit sich selbst wirklich genossen. Die meisten Teilnehmer konnten sich währenddessen nicht einmal richtig konzentrieren. Ihre Gedanken sprangen einfach unkontrolliert von einem Gedanken zum nächsten.

Schließlich gingen die Wissenschaftler noch einen Schritt weiter um herauszufinden, was die Probanden bereit waren zu tun, um dieser Eintönigkeit zu entkommen. Sie ließen ihnen einen schmerzhaften Ausweg, indem sie ihnen die Möglichkeit boten, sich selbst unangenehme Elektroschocks zu verabreichen. Sie demonstrierten das vorher – die Probanden wussten also, worauf sie sich bei dieser „Alternative“ einließen.

Das erstaunliche – und schockierende Ergebnis: ungefähr 25% aller weiblichen Versuchsteilnehmer und ganze zwei Drittel aller männlichen Probanden entscheiden sich freiwillig dafür, schon innerhalb der ersten 15 Minuten zumindest einmal den Auslöser zu drücken und sich Schmerzen zuzufügen. Das gibt zu denken, oder?

Ja, Langeweile kann für unser Gehirn regelrecht eine Folter sein – und Stille auch. In der heutigen, reizüberfluteten Welt erzeugt Stille auch oft recht schnell Langeweile. Ich kann mich noch gut an einen meiner ersten Ausflüge zu einer abgeschiedenen Hütte auf dem Land erinnern. Ein paar Tage in der Natur auf einem kleinen Hof, etwas abseits gelegen am Rand eines Waldes. Ich konnte die erste Nacht nicht einschlafen – wegen der Stille! Ich war den Straßenlärm so gewohnt…die fahrenden Autos, das rumpeln der Straßenbahn, den Lärm der Passanten und das regelmäßige schlagen der Kirchenuhr. Und dort: nichts! Mein Bewusstsein musste sich erst daran gewöhnen, um sich an diesen abrupten Reizentzug zu akklimatisieren.

Eine besondere Begegnung

Auch wenn Stille auf den ersten Blick wie eine Art kalter Entzug von Sinneseindrücken wirkt, hält sie eine große Kraft für unsere mentale Stärke bereit.

Entscheidend dabei ist, mit welcher Einstellung du in die Stille gehst.

Denn das bestimmt mit, wie du die Stille empfindest. Mit der richtigen inneren Einstellung kannst du ihre Kraft zu einem wertvollen Verbündeten machen. Wenn du sie als eine willkommene Erholung empfindest, eine angenehme Auszeit, dann wirst du ihr ganz anders begegnen. Eine Auszeit, die deinem Gehirn eine angenehme Pause vom lauten und geschäftigen Alltag verschafft. Wie bei einem Schwungrad, das sich noch eine Weile weiterdreht, wenn es schon lange nicht mehr bewusst angestoßen wird, so braucht auch dein Bewusstsein ein wenig Zeit, um sich an diese neue Situation zu gewöhnen.

Denn dein Reizverwöhntes Gehirn möchte das Level hochhalten und bombardiert dich mit hunderten Gedanken und Ideen. Und alle sind wichtig und dringend! Das nimmt an Intensität noch zu, sobald du bewusst die Stille suchst. Vielleicht kommen auch starke Emotionen hoch – Wut, Langeweile, Ungeduld, oder das Gefühl von Einsamkeit…

Aber wenn du durchhältst und dranbleibst, dann kann Stille etwas in dir verändern. Dein Geist kommt allmählich zur Ruhe. Wenn du die Kraft der Stille für dich entdecken willst, dann kann eine Woche in einer abgeschiedenen Hütte ein zu großer Schritt für den Anfang sein. Darum hier 3 Tipps, mit denen es leichter geht:

Tipp Nr. 1 – wähle dir ein passendes Mindset

Ganz entscheidend ist es, mit welcher inneren Einstellung du in die Stille gehst. Überleg dir also, was die Stille für dich sein soll. Eine angenehme Auszeit? Eine erholsame Pause für deinen Geist? Ein Raum für dich? Entspannung abseits der täglichen Hektik? Momente, in denen du Energie tanken kannst, um dich neu zu fokussieren? Was auch immer es ist – es sollte sich für dich angenehm und stimmig anfühlen. Finde heraus, was du an der Stille magst und genießen willst und spüre in diese Emotionen hinein. Mache Stille bewusst zu einem Genuss für dich.

Tipp Nr. 2 – starte in kleinen Schritten

Beginne mit einer halben Stunde 1-2 Mal in der Woche, um dich an die “Zeit der Stille” langsam zu gewöhnen. Deine Stille-Retreats sollten in deinen Alltag integrierbar sein und sich gut anfühlen. In dieser halben Stunde verzichtest du ganz bewusst auf jede Art von Ablenkung – kein Blick auf das Smartphone, kein Fernseher, keine Musik oder ein Buch lesen. Rechne bewusst damit, dass gerade zu Beginn viele Gedanken, Bilder und Emotionen auftauchen können. Das ist völlig in Ordnung.

Tipp Nr. 3 – suche deinen idealen Ort für die Stille

Vielleicht kannst du am leichtesten bei einem Spaziergang im Wald oder im Park die Stille genießen? Oder du richtest dir deine ganz besondere und einladende „Stille-Ecke“ bei dir daheim ein? Vielleicht ist die Stille auch eine ganz besondere Vorstellung in deinem Geist, der dich zur Ruhe kommen lässt? Finde heraus, welche angenehmen Assoziationen du mit Stille verbindest und wie du sie für dich nutzen kannst.

Mit diesen drei kleinen Tipps klappt es auf Anhieb besser bei deinem Rendezvous mit der Stille und du kannst sie für deine mentale Erholung genießen. Und wer weiß – vielleicht kannst du dir schon bald gar nicht mehr vorstellen, wie du ohne sie leben konntest.

Hinweis: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung der Sprachformen männlich, weiblich und divers (m/w/d) verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

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