Die Macht der Placebos Teil I

Placebos! Der Begriff ist dir sicher schon das eine oder andere Mal untergekommen. Sie zeigen ein seltsames Phänomen. Denn Placebos sind eigentlich ohne Wirkung – und wirken doch. Doch was steckt wirklich dahinter? Placebos zeigen sehr eindrucksvoll und unmittelbar die Macht unseres Geistes. Da das Thema sehr umfangreich ist, möchte ich ihm zwei Blogs widmen.

Was bedeutet „Placebo“?

Placebo, lat. für „ich werde gefallen“, bezeichnet im Allgemeinen Medikamente, die keinen Wirkstoff enthalten. In der modernen Pharmaforschung hat es sich etabliert, dass bei jeder Entwicklung eines neuen Medikamentes als Vergleich für die Wirksamkeit auch Placebos zum Einsatz kommen. Die logische Annahme dazu: ohne Wirkstoffe können auch keine Wirkungen im Körper ausgelöst werden. Soweit – so klar. Doch diese Annahme hat sich recht schnell als falsch herausgestellt. Handelt es sich hier um Messfehler oder schlichte Einbildung?

Die Wirksamkeit von Placebos konnte inzwischen anhand zahlreicher Studien nachgewiesen werden. Zwischen 5%-30% der Teilnehmer zeigen eine klare Verbesserung ihrer Beschwerden nach der Einnahme von Placebo Präparaten.

Ein Chirurg namens Henry Beecher

Die moderne Geschichte der Placebos begann während des zweiten Weltkrieges. Der amerikanische Chirurg Henry Beecher diente damals als Militärarzt. Unter diesen schwierigen Bedingungen stand er vor dem Problem, dass Morphium ständig knapp war. Um möglichst vielen Verletzten trotzdem eine Schmerzlinderung anbieten zu können, griff er in seiner Not schließlich zu einer List. Er füllte angeblich teilweise Kochsalzlösungen in seine Spritzen, erklärte seinen Patienten aber, dass sie Morphium erhielten. Angeblich trat dieselbe Wirkung ein. Die verwundeten Soldaten entspannten sich merklich und ließen sogar chirurgische Eingriffe an sich durchführen.

Fake OP`s verschaffen Linderung

Soweit bisher aus der Forschung bekannt ist, beruhen Placeboeffekte auf komplexen, neurobiologischen Mechanismen, die von unseren Erwartungen gesteuert werden. Selbst bei anerkannten Pharmaprodukten kann der Placebo-Effekt – je nach Krankheit und Präparat – sogar bis zu zwei Drittel der gesamten Wirksamkeit ausmachen! Doch nicht nur Medikamente können einen Placebo-Effekt auslösen.

Chirurgen führten eine Studie an Patienten mit Meniskusverletzungen durch. Solche Verletzungen werden in der Regel durch eine Arthroskopie behandelt. Bei einem solchen Eingriff werden Instrumente in das Knie eingeführt und der Chirurg arbeitet mit Hilfe einer Kamera im Gelenk, um die Schäden zu beheben.

Doch bei dieser Studie wurden nicht alle Patienten arthroskopiert. Bei einigen führten die Chirurgen nur zwei kleine Schnitt durch und vernähten die Wunde anschließend wieder. Allen Patienten wurde anschließend mitgeteilt, dass der Eingriff durchgeführt wurde und ein voller Erfolg war.

Anschließend wurde bei beiden Patientengruppen (den tatsächlich operierten und den Placebo-Patienten) mit der Reha begonnen. Das erstaunliche dabei: Selbst die Patienten, an denen kein echter Eingriff vorgenommen wurde, berichtete von einer deutlichen Besserung der Beschwerden und einem signifikanten Nachlassen der Schmerzen.

Die Apotheke im Kopf

Schon seit geraumer Zeit ist bekannt, dass Placebos die Ausschüttung körpereigener Schmerzmittel anregen können, etwa von Opioiden und Cannabinoiden. Dabei werden spezielle Gehirnareale aktiviert und biochemische Prozesse in Gang gesetzt und. Der Körper produziert sozusagen selbst die Medizin, die er braucht, angeregt durch die Einnahme eines Placebos.

Es ist ein reales, anhand von Laborparametern beweisbares Phänomen.

Bei manchen Medikamenten konnte nach der Auswertung von Studien kein signifikanter Unterschied in der Wirkung zwischen dem Präparat und dem Placebo festgestellt werden.

Dabei ist der Placebo-Effekt keinesfalls ein Feind der modernen Medizin – ganz im Gegenteil. Placebos können beispielsweise dazu eingesetzt werden, um Begleiterscheinungen bei medizinischen Behandlungen wie etwa die Nebenwirkungen bei Krebstherapien zu lindern. Nebenwirkungen, mit denen auch Patienten mit chronischen Erkrankungen zu kämpfen haben und die über einen langen Zeitraum auf die Einnahme bestimmter Medikamente angewiesen sind.

Welche Wirkungen können Placebos haben?

Der Einfluss von Placebos gehört zu den am besten dokumentierten Wirkungen der modernen Medizin. Denn sie bilden einen festen Bestandteil bei der Entwicklung neuer Medikamente und Heilverfahren.

Durch Placebos kannst du die Wirksamkeit deiner mentalen Kräfte hautnah erleben.

Sie haben z.B. eine messbare Wirkung auf den Blutdruck. In einer Studie gelang es durch sie, bei rund 30% der Versuchsteilnehmer den Blutdruck zu senken.

Sogar schwere neurologische Erkrankungen wie etwa Parkinson sprechen auf den Placebo-Effekt an, denn das Zittern der Hände konnte durch sie merklich reduziert werden. Doch was löst diese unglaublichen körperlichen Prozesse aus?

Es sind unsere bewussten und unbewussten Erwartungen und Überzeugungen. Sie können unsere Selbstheilungskräfte anregen.

Die Zutaten? Dopamin, Serotonin, Opioide und Cannabinoide. Alle hausgemacht in unserem Gehirn.

Wie wirken Placebos?

Die Forschung beschäftigt sich längst mit den Details der Placebo-Wirkung. Inzwischen hat sich ein neuer Forschungszweig daraus entwickelt – die Psychoneuroimmunologie. Sie beschäftigt sich mit der Wechselwirkung zwischen Körper und Geist und den Einflüssen auf Allergien, unser Immunsystem und Krebs (um nur einige Bereiche zu nennen). Sie geht etwa der Frage nach, wieso manche Menschen empfänglicher für Placebos sind, während andere auf solche Behandlungen nicht ansprechen. Dabei haben Wissenschaftler erstaunliches entdeckt.

Der Schlüssel ist unser Geist und die Begleitumstände, unter denen wir die Placebos einnehmen.

Denn ihre Wirksamkeit kann durch viele Einflüsse verstärkt oder abgeschwächt werden. Auf mache Details sprechen wir viel intensiver an als auf andere. Hier ein paar Beispiele:

  • Mehr Tabletten pro Tag wirken besser als nur eine – auch wenn in keiner davon ein Wirkstoff enthalten ist.
  • Teurere Placebos wirken besser als billige. Sagt man einem Patienten, ein Mittel habe 20,- Euro gekostet, schlägt es eine Tablette, die angeblich nur 20 Cent teuer ist. Unser Geist scheint also mehr Wert auch mit mehr Wirksamkeit zu verknüpfen.
  • Die Wirkungen von Placebos beruhen aber nicht nur auf einer Täuschung. Denn sie funktionieren sogar dann, wenn die Patienten wissen, dass es sich um solche handelt.
  • Erwartungen spielen eine entscheidende Rolle. Versuche haben ergeben, dass Morphium nur halb so wirksam ist, wenn Patienten nicht wissen, dass ihnen diese Substanz injiziert wurde.
  • Auch die Farbe der Pillen hat einen Einfluss. Studien haben gezeigt, dass blaue Pillen nachweislich beruhigend wirken, während rote eine aufputschende Wirkung haben.
  • Die Größe macht`s! Denn große Tabletten wirken deutlich effektiver als kleine.
  • Falls eine Pille nicht ausreicht – eine Infusion zeigt mehr Wirkung als eine Pille.
  • Eine Behandlung durch den Chefarzt hat mehr Erfolg als eine durch den Assistenten.

Die Auswirkungen des Placebo Effektes lassen sich inzwischen in einzelnen Hirnarealen eindeutig messen. Doch hier liegen auch ihre Grenzen. Denn werden im Gehirn die Rezeptoren für Morphium und Endorphin blockiert, wirken Placebos plötzlich nicht mehr.

Bei Alzheimer etwa wird die Verbindung zwischen wichtigen Hirnbereichen nach und nach zerstört. Wir verlieren den Zugang zu unseren Erinnerungen und dadurch auch immer mehr die Kontrolle über die Kräfte unseres Geistes. Die Folge – Placebos wirken nicht mehr.

Jetzt sind wir schon am Ende von Teil 1 angekommen. Mehr erstaunliche Informationen zu Placebos erwarten dich in meinem nächsten Blog – ich freue mich, wenn du in 14 Tagen wieder dabei bist!

Bis zum nächsten Blog!

Hinweis: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung der Sprachformen männlich, weiblich und divers (m/w/d) verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

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