Denkgewohnheiten

Dein Gehirn arbeitet ohne Unterlass. Etwa 90 Milliarden Neuronen kennen keine Pause, keine wahre Stille. Sie feuern Tag und Nacht ohne Unterlass. Aus diesem fulminanten Leuchtfeuer synaptischer Gewitter entsteht in jedem Augenblick alles, was du erfassen kannst – und weit darüber hinaus. Wahres und Flüchtiges, Schönheit und Albtraum, Licht und Schatten, aber auch Phantastisches und Bizarres.

Während der ersten Lebensmonate gleicht dein Gehirn einem Schwamm, der begierig alles aufsaugt und sich beständig aus der Interaktion mit der Welt entwickelt. Wahrnehmung, Sprache, Körperbeherrschung. Ist dein Denkapparat zu Anfang voller unzähliger Verbindungen, formt sich mit der Zeit ein individuelles System daraus, so einzigartig wie ein Fingerabdruck. Was Anfangs noch schwer zu verstehen und zu erlernen ist, wird dir bald immer vertrauter, bis es für dich so selbstverständlich wie Atmen geworden ist. Du lernst durch Wiederholung und den Gebrauch deiner Fähigkeiten.

Erfahrungen lassen dich wachsen

Mit dem richtigen Training kannst du deine Talente entfalten und deine Fähigkeiten stärken.

Du machst Erfahrungen – angenehme und schmerzhafte – und ziehst deine Schlüsse daraus. Dadurch verblassen manche neuronalen Verbindungen in deinem Gehirn, weil du sie nicht benutzt und stärkst, während andere von einfachen Trampelpfaden zu Schnellstraßen und schließlich zu mehrspurigen Autobahnen in deinem Kopf werden.

Alles logisch, oder was?

Wenn wir denken, streben wir meist nach Sachlichkeit und Logik, um Herausforderungen zu lösen und Antworten auf unsere drängenden Fragen zu finden. Doch je weiter wir darin voranschreiten, umso mehr tappen wir in eine unmerkliche Falle. Denkst du, dass du völlig frei denken kannst? Wirklich? Theoretisch vielleicht, doch praktisch bewegst du dich innerhalb deiner Denkgewohnheiten und Vorannahmen. So wie uns jede Handlung zu einer nützlichen oder lästigen Angewohnheit werden kann, so geht es uns auch mit unserem Denken.

Das findest du meinst recht schnell heraus, wenn du versuchst, durch divergentes, kreatives Denken völlig neue Lösungsansätze zu finden. Wenn die Inspiration dich auf völlig neue Denkpfade führen soll. Denn wir haben bestimmte Denkansätze liebgewonnen.

Wir geben unserer Logik und bestimmten Gedanken klar den Vorzug.

Sie werden gestärkt durch unsere Werte, unsere Glaubenssätze und Überzeugungen, aber auch durch Erfahrungen aus der Vergangenheit oder die Ratschläge von Menschen, die wir bewundern und wertschätzen. Das alles bildet unsere Denkgewohnheiten. „Out of the Box“ ist eine echte Herausforderung, wenn wir erkennen müssen, dass wir es uns schon längst in unserer „Denkbox“ gemütlich eingerichtet haben.

Bleib flexibel – unterbrich Routinen

Wenn du selbst ausprobieren willst wie es sich anfühlt, neue, ungewohnte Pfade zu betreten, probiere ein paar der folgenden Dinge aus: putze dir deine Zähne/kämme deine Haare/öffne Türen mit deiner nicht dominanten Hand. Lege dich eine Nacht um 180° verkehrt in dein Bett (deine Füße liegen also dort, wo normalerweise dein Polster seinen angestammten Platz hat). Nimm die Denkposition und Sichtweise des anderen Geschlechts an. Versetze dich in die Lage von Menschen, die völlig entgegengesetzte Werte, Ansichten oder Religionen haben.

Wie fühlt sich Denken an?

Denken ist vor allem stets mit einem bestimmten Gefühl verbunden.

Jede unserer Entscheidungen wird von Gefühlen begleitet und mitbestimmt.

Auch wenn dieses „emotionale Grundrauschen“ für uns nicht immer wahrnehmbar ist. Der rein rational denkende und urteilende Mensch ist eine Illusion. Die Gefühle, die unser Denken begleiten, werden durch unsere Selbstwahrnehmung und der Position unseres Körpers im Raum maßgeblich beeinflusst. Das klingt etwas seltsam? Dann lade ich dich ein, ein kleines Experiment mit mir zu wagen.

Lege dich bequem auf den Rücken, die Beine sind locker ausgestreckt, deine Hände liegen neben dem Körper. Hast du eine gute Position gefunden? Gut. Atme ruhig und entspannt und schließe deine Augen.

Jetzt wähle einen Gedanken. Das kann ein bestimmtes Thema sein, eine Erinnerung aus der Vergangenheit, eine spezielle Form oder ein Gegenstand (z.B. ein blauer Kreis, ein rotes Dreieck oder ein sich drehender Würfel). Es sollte um ein Thema gehen, bei dem du dich wohl fühlst, oder das für dich zumindest einen neutralen Stellenwert besitzt. Konzentriere dich jetzt etwa 1-2 Minuten auf diesen Gedanken. Versuche wahrzunehmen, wie es sich anfühlt, daran zu denken. Beobachte also dein Denken.

Verändere deine Position

Nach einigen Minuten drehe dich auf die linke oder rechte Seite – oder auf deinen Bauch. Bleib in dieser Position, während du versuchst, mit deinen Gedankengängen ohne Unterbrechung fortzufahren. Wahrscheinlich ist dir etwas aufgefallen. Es fühlt sich irgendwie seltsam an. Indem du deine Position verändert hast, hast du dich selbst ein wenig irritiert und damit auch dein Denken verändert. Noch stärker fällt dieser Effekt aus, wenn du in einer völlig unbekannten Umgebung bist – etwa, wenn du fremde Orte auf einer Reise besuchst und dir die Zeit nimmst, sie durch deine Sinne zu erfahren und die Stimmungen, die Sie in dir auslösen auf dich wirken zu lassen. Oder wenn du Spazierfahrten oder Wanderungen in unbekannte Gefilde unternimmst. Unsere Routine ist unterbrochen und unsere Wahrnehmung ist auf Aufnahme geschalten – wir müssen uns neu orientieren, jenseits unserer Komfortzone.

Die Landkarte unseres Denkens neu schreiben

Ist unser Denken also in Stein, pardon…Neuronen gemeißelt? Nein. Wir haben im Laufe der Evolution einen großen Vorteil entwickelt.

Unser Gehirn ist äußerst flexibel und wandelbar.

Die neuronalen Bahnen in unserem Denkapparat werden permanent adaptiert. Sogar während du diese Zeilen liest, ist dein Gehirn dabei, sich anzupassen und zu verändern. Was sich bewährt hat und regelmäßig benutzt wird, wird verstärkt. Die Denkpfade, die wir jedoch nicht mehr gehen, verblassen immer mehr. Sie werden mit der Zeit schwächer und lösen sich irgendwann ganz auf.

Dieser Prozess ist in der Wissenschaft als Neuroplastizität bekannt, und er findet unser gesamtes Leben lang statt. Es ist also nie zu spät, etwas an deinem Denken zu verändern oder etwas Neues zu lernen. Das gibt uns die Möglichkeit, unser Denken anzupassen, zu lernen und uns mental zu entwickeln. Diese permanente Wandlung unseres Gehirns ist auch unser größter Verbündeter, wenn wir unsere Denkgewohnheiten erweitern oder ändern wollen. Denn dadurch können wir Denkmuster löschen – oder zumindest abschwächen – und neue Alternativen erschaffen.

Jedes Mal, wenn du Neues ausprobierst du dich auf Unbekanntes einlässt, zündest du den Motor der Veränderung und erweiterst dein Denken. Durch Mentaltraining kannst du das gezielt machen.

Viel Erfolg dabei!

Hinweis: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung der Sprachformen männlich, weiblich und divers (m/w/d) verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

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